2. März 2010 – Die Sicherheit in Haiti und der Wiederaufbau des Landes nach dem Erdbebeben verspricht ein Riesengeschäft zu werden. Demnächst findet ein internationaler „Haiti-Gipfel“ statt, der Politiker, Investoren, private Sicherheitsfirmen und Logistikunternehmen zusammenbringen soll. Kritiker befürchten eine dominierende Rolle privater Söldnertruppen wie im Irak.
Für den 9. und 10. März lädt die „International Peace Operations Association“ (IPOA), ein Dachverband vor allem US-amerikanischer privater Sicherheitsfirmen, nach Miami in Florida ein. Neben Investoren und Unternehmern hoffen die Veranstalter auf die Teilnahme der früheren US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton, aber auch von Vertretern verschiedener UNO-Abteilungen und Hilfsorganisationen.
Die IPOA hat einen Ruf zurückzugewinnen: Bis 2007 gehörte ihr auch das Sicherheitsunternehmen Blackwater an, das mit seinem Vorgehen im Irak in die Kritik geraten war. Der Journalisten Jeremy Scahill, der sich in einem Buch kritisch mit Blackwater auseinandergesetzt hat, spricht von einem „Söldnerwirtschaftsverband“ (mercenary trade association).
IPOA-Direktor Doug Brooks hält dagegen: "Journalisten waren die ersten, die anfragten weil sie Schutz brauchten, als sie nach Haiti gingen", sagte er. Mehrere IPOA-Mitgliedsfirmen sind bereits in Haiti aktiv, andere wollen dort ins Geschäft einsteigen. Schon wenige Tage nach dem Erdbeben tat sich der Verband mit 'Global Investment Summits' (GIS), zusammen. Das britische Unternehmen ist darauf spezialisiert, Unternehmer und Regierungsvertreter aus "aufstrebenden Staaten nach einem Konflikt" ins Gespräch zu bringen.
Gipfelplanung beim Bier
Bei einem von GIS ausgerichteten Afghanistan-Wiederaufbau-Gipfel in Istanbul, sei man "bei ein paar Bier" auf die Idee für den „Haiti-Gipfel“ gekommen, erinnert sich Brooks. Im Mittelpunkt, so erläutert GIS-Boss Kevin Lumb, sollen "runde Tische stehen, an die wir die Minister und ihre Mitarbeiter aus der Beschaffung setzen und die Termine mit Unternehmen ermöglichen". Die Erlöse der Veranstaltung, sagt Lumb, gingen an den Clinton/Bush-Haiti-Hilfsfonds.
Die Liste der Unternehmen, die kommen wollen, will Lumb nicht veröffentlichen. Einen Namen, den er nennt, ist „DACC Associates“. Das Unternehmen liefert Beratung in Management- und Sicherheitsfragen und arbeitet gegenwärtig für die Regierungen von Pakistan und Afghanistan.
An der Spitze steht Douglas Melvin, ein ehemaliger Kommandant der „U.S. Special Forces“, dann im Aussenministerium tätig und schliesslich Präsident George W. Bush unterstellt. Er sagt unumwunden: "Unter Profitgesichtspunkten, klar, da bietet diese Veranstaltung wundervolle Möglichkeiten." Die meisten Teilnehmer kämen aber "mit den richtigen Motiven", nämlich um Haiti zu helfen, "nicht um die Lage auszunutzen". Sein Unternehmen werde wohl nicht viel Geld in Haiti machen.
Das sieht Naomi Klein ganz anders. Die Autorin des Bestsellers „Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“ fürchtet, dass die Kernthese ihres Buches auch in Haiti bewiesen werden wird. „Haiti braucht keinen Wiederaufbau nach Schema F, ausgeheckt von der selben Gang, die den Wagen in Irak, Afghanistan und New Orleans vor die Wand gefahren hat – die selben Leute, die Haitis Wirtschaft im Namen der 'Hilfe' kaputt gemacht haben."
IPOA-Boss Brooks schiesst scharf zurück: "Wenn Scahill und Klein die Ressourcen, Fähigkeiten und die Ausrüstung haben, um reinzugehen und es selbst zu machen, dann sollten sie alle Unterstützung haben."
Unwissende oder Komplizen
Kritik kommt aber nicht nur von aussen. Der ehemalige haitianische Verteidigungsminister Patrick Elie wurde nach dem Beben von Haitis Präsident René Préval als Berater geholt. Er lehnt ebenfalls eine Privatisierung des Wiederaufbaus ab, weil man diese Privatunternehmen "nicht vor die Vereinten Nationen, nicht nach Den Haag zitieren kann. Sie operieren in einer Art von rechtlichem Freiraum, und das macht sie umso gefährlicher."
"Diese Burschen sind wie Geier, die nach dem Desaster die Beute holen wollen", so Elie weiter. "Alle Finanzspritzen für die haitianische Wirtschaft werden sie vermutlich an sich reissen." Dass bei dem „Haiti-Gipfel“ auch prominente Haitianer aus dem Ausland und Botschaftsangehörige teilnehmen sollen, stimmt Elie auch nicht optimistischer. Wenn ranghohe Vertreter Haitis dabei seien, "dann entweder aus Unwissenheit oder aus Komplizenschaft".
Er ist besorgt darüber, dass neben den 20’000 regulären kanadischen und US-Soldaten bereits private Sicherheitsunternehmen in Haiti sind. Er habe schon schwer bewaffnete Mitarbeiter dieser Firmen als Geleitschutz für Helfer der Nichtregierungsorganisationen gesehen. Wenn die US-Truppen abzögen und als bewaffnete Präsenz die privaten Sicherheitsunternehmen zurückliessen, "öffnet das die Tür für jegliche Art von Missbrauch. Seien wir doch ehrlich: Der haitianische Staat ist zu schwach, um mit dieser Bedrohung fertig zu werden."
Die Erfahrungen mit ähnlichen Fällen zeigten, dass die Gefahr gross sei, so Elie. "Wir haben schon oft erlebt, wie die Geier versuchen, von einem Desaster zu profitieren – ob es nun von Menschen verursacht wurde wie im Irak und natürliche Ursachen hatte wie in Haiti."
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