8. März 2010 – Die seit Beginn der US-Invasion des Irak 2003 ins Nachbarland Jordanien geflohenen Menschen gelten als "Gäste" ohne Anspruch auf Schutz oder staatliche Leistungen. Legale Arbeit ist ihnen verboten. Sieben Jahre später leben nach Schätzungen des UNO-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR) immer noch mindestens 700'000 Menschen aus Irak in jordanischen Camps.
Hanan Tabbara/IPS – Khayzaran verdient den Lebensunterhalt für sich und ihre vier Kinder durch den Verkauf selbst geflochtener Körbe. Eman bessert das Budget ihrer fünfköpfigen Familie mit einem kleinen Aufwandshonorar auf, die sie für ihre ehrenamtliche Arbeit für eine Hilfsorganisation erhält. Die allein stehende Mutter Ibtesam nimmt ihr Baby mit in den Nachtklub, in dem sie abends auf gut zahlende ausländische Gäste wartet. Die drei Irakerinnen leben wie hunderttausende ihrer Landsleute in jordanischen Flüchtlingslagern und sind Alleinversorger ihrer Familien.
"Auf den Schultern der irakischen Flüchtlingsfrauen lastet jetzt ein Übermass an Verantwortung für die Familie", stellte Jehan Nourjan, Begründerin des jordanischen Bushra-Instituts für Frauenforschung fest. "Haushalte mit allein stehenden Müttern sind überrepräsentiert. Viele Ehemänner sind umgekommen oder verschwunden, andere schwer verletzt. In diesen veränderten Familienstrukturen müssen sich die Frauen als Allein- oder Mitverdiener behaupten", sagte sie.
Vor Beginn der Invasion hatte die Korbflechterin Khayzaran im irakischen Najaf in ihrem gepflegten Haus mit Mann und fünf Kindern ein unbeschwertes Leben geführt. Als ihr Mann Saad jedoch nach Kriegsbeginn Todesdrohungen erhielt, floh die Familie überstürzt mit ein paar Koffern über die Grenze. Saad und den ältesten Sohn Khaled verschlug es nach Österreich, wo sie Asyl erhielten.
Khayzaran, die mit den vier jüngeren Kindern in Amman gestrandet war, verweigerte das UNHCR wegen fehlender Dokumente den Flüchtlingsstatus. "Für Mohammed, Ali, Fatima und Hajar war ich plötzlich Mutter und Vater zugleich", berichtete sie.
Internationale Organisationen verschafften ihr und anderen Irakerinnen die halblegale Möglichkeit, Kurse in Korbflechten zu veranstalten. Das Verdienst dieser Arbeit stockt die bescheidene Unterstützung auf, die das UNO-Flüchtlingswerk zum Lebensunterhalt irakischer Flüchtlinge beisteuert. Khayzarans Kinder müssen mit illegalen Gelegenheitsjobs zum kargen Familienbudget beitragen.
"Meine Frau ist der Mann im Haus"
"Die Hilfsorganisationen sind bei der Kontaktaufnahme mit ihren Klienten auf ehrenamtlich tätige Irakerinnen angewiesen. Es fällt diesen Frauen leicht, das Vertrauen anderer Flüchtlingsfamilien zu gewinnen, man lässt sie ins Haus. Irakische Männer dagegen geraten häufig ins Visier der jordanischen Polizei", berichtete der Direktor des Instituts für Familiengesundheit in Amman, Jalal Damra. " Sie müssen sich von ihrer Rolle als Hauptverdiener verabschieden, denn ihre Frauen sorgen jetzt dafür, dass die Familie etwas zu essen hat."
Dieser Wandel der traditionellen Geschlechterrolle sorgt in vielen irakischen Flüchtlingsfamilien für Konflikte, die auch die NGO-Mitarbeiterin Eman zu spüren bekommt. Es soll scherzhaft klingen, wenn ihr Mann Ahmed sie als 'den Mann im Haus' vorstellt. Doch oft entlädt sich der Frust des dreifachen Vaters gegenüber seiner Frau in wütenden Beschimpfungen.
"Die Würde der Männer leidet ohnehin schon darunter, im Exil auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Wenn dann auch noch die Ehefrau die Familie ernährt, vertieft das den schmerzenden Identitätsverlust", klärte Damra. Der Mediziner leitet auch ein Traumazentrum in Amman.
Im Rotlichtmilieu der jordanischen Hauptstadt Amman schlägt sich Ibtesam durch. Im Auftrag von Milizen, die ihren Mann schon im Irak verfolgt hatten, überfiel ein Schlägertrupp im vergangenen Jahr ihre Unterkunft im Osten von Amman. Kurz darauf verschwand ihr Mann, und die Mutter einer wenigen Wochen alten Tochter musste ihren Job als Zigarettenverkäuferin aufgeben. Jetzt unterhält sie in einem irakischen Nachtklub reiche Gäste aus Marokko, Irak, Jordanien und Osteuropa.
"In den meisten Flüchtlingsgemeinden, auch in irakischen, gibt es Prostitution", stellte Damra fest. Er gehört zu den wenigen Beobachtern, die sich von Anfang an mit der Lage der nach Jordanien geflohenen Iraker befasst hat. "Vielen Frauen bleibt nur die Prostitution, um sich finanziell über Wasser zu halten.", meinte er. Ordentliche Jobs fehlten ebenso wie das wachsame Auge der traditionellen Familie. "Hinzu kommt das Gefühl, als Flüchtling im 'Gastland' ausgegrenzt zu sein."
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