11. Juli - Die sportliche Bilanz der WM 2010 ist für Afrika zwar enttäuschend gewesen, obwohl Ghana die Ehre etwas rettete. Positiv ist die Bilanz dagegen für das Image von Südafrika und des ganzen Kontinents, jedoch ohne nachhaltige Wirkung für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Gastlandes.
Gilles Olakounlé Yabi, Bamako/InfoSud - Fassungslosigkeit herrschte im „Sport’in Club“ von Bamako, einer Bar gespickt mit Flachbildschirmen, die einige Tage nach Beginn des Weltcups in einem Wohnviertel der malischen Hauptstadt eingeweiht wurde. An diesem 2. Juli durchlebten Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner innerhalb von vier Minuten ein Wechselbad von stürmischen Umarmungen und dem ohrenbetäubenden Lärm blasser Kopien der Vuvuzela hin zum Entsetzen und Weinen: Asamoah Gyan, der ghanaische Stürmer, verpasste eben seinen Penalty gegen Uruguay. Das letzte afrikanische Team, das noch auf der Liste war, sollte nicht über das Viertelfinal hinauskommen. Diese Minuten - als Einklang des ganzen Kontinents und der Diaspora erlebt - fassen zusammen, was von der ersten in Afrika durchgeführt Fussball-WM bleiben wird: ein köstlicher Cocktail starker Gefühle, Genugtuung und Desillusionierung.
Vor Debakel gerettet
Die sportliche Leistung der Ghanaer hat den Kontinent vor einem Debakel gerettet. Fünf der sechs afrikanischen Teams kamen nicht über die erste Runde hinaus. Südafrika beklagte sehr früh die Ausscheidung seiner „Bafana Bafana“ - erstmals schied damit eine Nation, die diesen weltweiten Wettkampf organisierte, schon in der ersten Runde aus. In Wirklichkeit gab es aber wenig Gründe auf eine starke Leistung dieser Equipe zu hoffen, die zwar organisiert war, und arbeitete, der es aber einfach an Weltelite-Spielern fehlte. Algerien fehlte es dieses Jahr ebenfalls an Naturtalenten. Die „Fennecs“ gaben ihr Bestes und gingen in Würde aus dem Wettkampf.
Die nigerianischen „Super Eagles“ machten den Eindruck, nicht zu befürchten, ihre 140 Millionen Landleuten in die Verzweiflung zu stürzen, als sie sieglos in der Vorrunde ausschieden. Die unbezwingbaren Löwen Kameruns fielen tief, in allen drei gespielten Matchs wurden sie geschlagen, trotz ihres Stars Samuel Eto’o Fils. Das ivorische Team von Didier Drogba zeigte ein schönes Spiel und sogar eine kollektive Organisation, die man bei ihm nicht kannte. Aber es konnte die erwartete Heldentat nicht verwirklichen, eine der beiden Favoritenequipen ihres Pools zu eliminieren, Brasilien oder Portugal. Es war also Ghana, das ohne globalen Star zwar, dafür mit einer seriösen Vorbereitung, allein und gewaltig die afrikanischen Hoffnungen trug – bis zu dem unglaublichen Szenario im Viertelfinal.
25 Prozent mehr Touristen
Die WM 2010 bot grossartige Stadions, schön geschmückte Tribünen, Fans so farbenfroh wie die Regenbogen-Nation, peinlich genaue Einhaltung der Nationalhymnen, eine Karneval-Stimmung, kein grösseres Sicherheitsproblem, zahlreiche sportliche Überraschungen, schöne Schiedsrichter-Irrtümer und ein einmaliges Finale, was will man mehr? Die FIFA hat schon begonnen, ihren Gewinn auszurechnen und der lässt sich sehen. Die südafrikanische WM zählt zu jenen, die am meisten Zuschauer in die Stadions zogen. Das frühzeitige Ausscheiden der „Bafana Bafana“ setzte dem Volksfest kein Ende.
Auch die Gewinne für das Gastland sind nicht schlecht. So nahm etwa die Zahl der Touristen im Juni um 25 Prozent zu im Vergleich zum selben Monat 2009. Zwar ist die wirtschaftliche Zukunft der schönen und riesigen Stadions nicht gesichert, die speziell für das Ereignis gebaut wurden, das ist aber bei solchen Wettkämpfen meist der Fall. Stolz kann das Land auf die öffentlichen Investitionen in Transport und Energie sein, die einträglich bleiben.
Der Weltcup 2010 bot ein schönes Bild von Afrika. Zehntausende Besucher und Millionen Zuschauer rund um die Welt haben feststellen können, dass dieser Kontinent nicht schlechter oder besser als andere ist. Die Afrikaner verhielten sich, als ob es sich um eine panafrikanische Koproduktion handelte. Südafrika störte dies nicht und es hat jede Equipe des Kontinents bis zum Schluss unterstützt.
Wird dies zu einer Abnahme der Fremdenfeindlichkeit führen, die das Leben in den ärmsten Quartieren von Johannesburg vergiftet, wo arbeitslose Südafrikaner und Einwanderer aus dem südlichen und zentralen Afrika zusammenleben? Nein. Bereits gibt es Gerüchte im Land über eine erneute Jagd auf Ausländer, sobald die WM beendet ist. Es ist eine Weltmeisterschaft wie jede andere. Schliesslich ist es nur ein Fussballspektakel, das dem Planeten von einer multinationalen Organisation serviert wird, die keine Krise kennt. Man sollte davon nicht mehr verlangen als einige verstohlene Momente starker Emotionen.
Gilles Olakounlé Yabi, ist Journalist und Experte zu Konflikten in Westafrika. Unter anderem war er tätig für das westafrikanische Büro von International Crisis Group und arbeitete für die in Paris herausgegebene Wochenzeitschrift „Jeune Afrique“.
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