InfoSüd - die Presseagentur mit Weltsicht

  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Start Alle ausgewählte Beiträge Demokratie Grundrechte UNO Ohne Multiwatch kein Dialog - Veränderungswille bei Nestlé in Kolumbien

Ohne Multiwatch kein Dialog - Veränderungswille bei Nestlé in Kolumbien

E-Mail Drucken PDF

 8. Juli - Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé steht bei Organisationen der Zivilgesellschaft immer wieder am Pranger. Überraschend positiv fällt die Bilanz von Alliance Sud der grossen Hilfswerke zu einem Dialog mit Nestlé in Kolumbien aus. Obwohl ein Gewerkschaftskonflikt ungelöst bleibt, schätzen beide Seiten den mehrjährigen Dialog als „einmalig“ ein.


Viera Malach/InfoSüd - „Es ist das erste Mal, dass Nestlé einen so tiefgreifenden Dialog mit einer NGO führt. Er hat in Kolumbien zu Verbesserungen geführt und Nestlés Verhalten verändert“, bilanziert Michel Egger, Autor des Berichts „Der Fall Kolumbien“ und Regionalleiter von Alliance Sud in der Westschweiz, wo Nestlé ihren Hauptsitz hat. In einer Stellungnahme wertet der Konzern den Dialog mit Alliance Sud ebenfalls als „einmalig“. Erstmals habe ein mehrjähriger „Vertrauensdialog“ mit einem Bericht seinen Abschluss gefunden.

Nestlé erklärte sich mit der Veröffentlichung einverstanden und will die akzeptierten Empfehlungen umsetzen. Wie Egger berichtet, wurden von 40 gut die Hälfte angenommen. So erleichterte Nestlé Gewerkschaften den Zugang zu den Betrieben, schulte Kader zu Menschen- und Arbeitsrechten und erklärte die Sicherheit der Beschäftigten zur Chefsache.

Mediation abgelehnt

Allerdings bleibt der Grundkonflikt zwischen Sinaltrainal, der wichtigsten Gewerkschaft bei Nestlé Kolumbien, und der Firmenleitung ungelöst. „Beide lehnten die vorgeschlagene Mediation zu politischen Themen ab, die nicht direkt Arbeitsbedingungen und Arbeitsrechte betrafen“, erklärt Beat Dietschy, Zentralsekretär von Brot für alle. Er war Mitglied der Delegation, die die Aktivitäten von Nestlé in Kolumbien erstmals untersucht hat.

Der Konflikt mit Sinaltrainal wurzelt vor allem in der von politischer Gewalt geprägten Geschichte des südamerikanischen Landes. Viele Gewerkschafter, auch aus dem Umfeld von Nestlé, waren im Lauf des langjährigen Bürgerkrieges ermordet worden. Nestlé hatte dazu lange geschwiegen. Infolge des Dialogs hat sich der Konzern jedoch öffentlich geäussert und Drohungen verurteilt, wie Dietschy betont.

Schweigen gebrochen

Den Dialog ausgelöst hatte ein „Nestlé-Tribunal“ Ende 2005 in Bern, organisiert von der Plattform Multiwatch, der unter anderen Alliance Sud und einige ihrer Trägerorganisationen angehörten. Dabei wurden Verstösse des Konzerns gegen Menschen- und Arbeitsrechte öffentlich gemacht. Nestlé versuchte die Veranstaltung zu behindern, doch ausgerechnet ihre Interventionen bei Caritas und Fastenopfer führten dann zu den vertraulichen Gesprächen.

„Beim Weltkonzern Nestlé lässt sich Misstrauen in einen offenen und kritisch geführten Dialog verwandeln. Das ist für uns ein beachtliches und ermutigendes Ergebnis“, kommentiert Dietschy. Brot für alle, Caritas, Fastenopfer, Helvetas, Heks und Swissaid wollen unter dem Dach von Alliance Sud die Entwicklung in Kolumbien im Auge behalten und mit Blick auf andere Prozesse auswerten. „Der Fall Kolumbien“ gilt jedoch als abgeschlossen.

Teils „Bunker-Haltung“

Laut Dietschy lässt sich der Vertrauensdialog mit Nestlé nicht eins zu eins auf andere Weltkonzerne übertragen. Mit verschiedenen Unternehmen gebe es unterschiedliche Gesprächsansätze. In einigen Fällen sei auch kein Dialog in Gang gekommen. Oft verhärteten sich grosse Firmen in „Bunker-Haltung“ gegen die Kritik von sozialen Bewegungen. Doch auch NGO riskieren – bei zu grosser Dialogbereitschaft – an Glaubwürdigkeit einzubüssen. „Wir waren nie auf Kuschelkurs“, sagt Dietschy. „NGO sind selbständige Diskussions-Partner und kein Frühwarnsystem, das Firmen nützt.“

Die Kritik an multinationalen Firmen geht für Entwicklungsorganisationen weit über Nestlé hinaus und hat einen Jahrzehnte alten Hintergrund. Standen in den 1980-ern etwa die Produktionsbedingungen bei Del Monte im Fokus, war es in den 90-ern die „Clean Cloth Campaign“ und nach 2007 die PC-Branche und Hightech-Industrie.
„Unternehmen müssen Menschenrechte achten“

Mit ihrer jüngsten Petition an Parlament und Regierung fordern Brot für alle und Fastenopfer, dass Schweizer Multis gesetzlich verpflichtet werden sollen, ihre Sorgfaltspflicht und Verantwortung auch gegenüber Tochterfirmen in Staaten mit schwacher Gesetzgebung walten zu lassen. Das gelte insbesondere, wenn das Recht auf Nahrung durch Bergbau und „Land Grabbing“ buchstäblich untergraben werde. Ihre Forderung nach fairen Verhältnissen untermauern die NGO bald mit einer „Corporate Justice“-Kampagne. Für Dietschy steht fest: „Die menschenrechtlichen Verpflichtungen entlang der gesamten Lieferkette gehören auf den Prüfstand, wenn eine Firma mit fair und nachhaltig produzierten Produkten oder Dienstleitungen überzeugen will.“

Dialog zwischen Nestlé und Alliance Sud: Der Fall Kolumbien (pdf, 118kB) 

 
Presseagentur InfoSüd
Monbijoustrasse 31
Postfach 6861
3001 Bern
Tel 031 398 40 50
Fax 031 398 40 53
redaktion@infosued.ch

Themenangebote

Zu diesen aktuellen Themen können Sie vollständige Beiträge beziehen:

SCHWEIZ Sie kommen, kochen für uns und kehren heim
Das Leben als Provisorium: Den Alltag von vorläufig Aufgenommenen in der Schweiz zeigen Porträts des Berner Fotografen Peter Eichenberger. Er hat die Flüchtlinge zwei Monate lang bei ihrer Arbeit im Restaurant La Cultina begleitet. Dieses verbindet Gastronomie mit Integration und bietet Kurse für Küche und Service an. Die Hemmschwelle für eine Anstellung bleibt hoch. (ca. 3800 Zeichen)

NAHOST Junge Palästinenser auf den Spuren afrikanischer Sklaven
Die unabhängige Organisation „Bidna Capoeira“ bietet palästinensischen Kindern und Jugendlichen im Westjordanland und in Ost-Jerusalem Unterricht an, unterstützt vom Flüchtlingshilfswerk UNRWA. Die afro-brasilianische Mischung aus Tanz, Musik und Kampfkunst will den Jugendlichen Selbstvertrauen vermitteln, damit sie ihre schwierigen Lebensbedingungen meistern. (ca. 3600 Z.)

SÜDSUDAN Kindersoldaten sollen ins zivile Leben zurückkehren
Die südsudanesische Armee, auch bekannt als SPLA, hat eine neue Agenda zur Demobilisierung der auf 2000 geschätzten Kindersoldaten erarbeitet und unterschrieben. Auch wenn die Demobilisierung aller Kindersoldaten nach zwei Jahren abgeschlossen sein soll, wird deren soziale Integration weit mehr Zeit und grosse Anstrengen in Anspruch nehmen. (ca. 3800 Z.)

BURMA Regierung verteilt Flugblätter gegen Zwangsarbeit
Im Zuge von Reformen hat die quasi zivile Regierung von Burma die Verteilung von Flugblättern in den verschiedenen Ureinwohnersprachen gestattet. Auf Betreiben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sollen Tausende Angehörige ethnischer Minderheiten dadurch erfahren, wie sie sich vor Zwangsarbeit schützen können. (ca. 4000 Z.)