17. Januar - Das Beispiel von Oikocredit in Ecuador zeigt: Genossenschaften als Mikrofinanz-Kreditnehmer sind verlässliche Partner und Arbeitgeber. Im Hinblick auf das UNO-Jahr der Genossenschaften 2012 warb die Länderverantwortliche Lorena Torres in der Schweiz für das solidarische Geschäftsmodell.
Daniel Vonlanthen/InfoSüd - Reisen gehört zu Lorena Torres Hauptbeschäftigungen. Die Oikocredit-Länderverantwortliche tourte unlängst durch Europa, um Investoren vom Sinn und Zweck der Mikrokreditgeschäfte zu überzeugen. Auch zuhause in Ecuador ist die 32-jährige Ökonomin viel unterwegs: An drei von fünf Arbeitstagen verlässt sie ihr Büro in der Hauptstadt Quito für Kundenbesuche.
Wo Lena Torres auftaucht, wird sie zwar mit Respekt, aber nicht immer mit Freude empfangen. Zweimal jährlich fordert sie von ihren Kreditnehmern Rechenschaft über den Geschäftsgang. Dann macht sie sich vor Ort ein Bild über die Arbeits- und Produktionsbedingungen, steckt ihren Kopf in Büros und Bücher und spricht mit den Angestellten über ihre Befindlichkeit.
“In diesem Geschäft muss man flexibel sein“, berichtet Torres bei ihrem Besuch in Bern. „Wenn es mit den Rückzahlungen harzt, braucht es meistens nur ein bisschen Geduld. Wir sind nicht auf das schnelle Geld aus.“
Hohe Wertschöpfung im Inland
Torres ist seit der Gründung des Länderbüros 2004 dabei. Einen Misserfolg habe sie bislang noch nie in Kauf nehmen müssen, versichert sie imGespräch. Auf den Fotos ihrer Powerpoint-Präsentation zeigt sie sich zusammen mit Produzenten und Produkten – Zeugnisse von Verbundenheit und Qualitätsbewusstsein.
Das Handwerk, der Bananen-, Kaffee- und Kakaoanbau profitieren von den Mikrokrediten. Alle landwirtschaftlichen Produkte stammen aus biologischem Anbau und sind grösstenteils für den Export bestimmt. Mit der Weiterverarbeitung von Kakao zum Beispiel sorgt Pacari Chocolate für eine hohe Wertschöpfung im Land. Mit Ingwer, Zitronengrass und Ishpingo – Zimt aus den Anden – erhalten die Pacari-Tafeln eine exotische Note.
Genossenschaften minimieren Risiken
Nachhaltigkeit, Langfristigkeit und gute Kenntnis der örtlichen Verhältnisse minimieren das Risiko von Fehlinvestitionen. Kreditnehmer müssen zunächst den sozialen Nutzen ihrer Projekte in Form von Arbeitssicherheit und Mitspracherechten nachweisen können. Deshalb sind es mehrheitlich Genossenschaften, mit denen die international tätige Genossenschaftsbank Oikocredit ins Geschäft kommt.
Genossenschaftlich organisierte Betriebe haben demokratische Strukturen, sind lokal verankert und lösen ihre Probleme solidarisch. Gemeinsam erhalten die Mitglieder Zugang zu Finanzdienstleistungen, von denen sie als Individuen ohne regelmässige Einkünfte ausgeschlossen sind. Ecuador gilt nach Peru als das zweitärmste Land Südamerikas.
Übergeordnete Bedingungen
Die Unsicherheiten für alle Beteiligten bleiben dennoch gross, denn vieles hängt von den übergeordneten wirtschaftlichen Bedingungen ab. So plant der Andenstaat zum Beispiel die Erhöhung der Steuer auf Geldüberweisungen ins Ausland von heute zwei auf fünf Prozent.
Wie sich dies auf das Mikrofinanzgeschäft auswirken werde, ist laut Torres unklar. Nicht ausgeschlossen sei auch, dass Ecuador dereinst wieder zu einer eigenen Währung zurückkehrt.
Im Jahr 2000, nach einer langen Periode ungezügelter Inflation, ersetzte die Regierung den Sucre durch den US-Dollar. Inzwischen ist die Inflation zwar unter fünf Prozent gesunken, doch ist das Land nun der amerikanischen Wirtschaft ausgeliefert.
“Für unsere Oikocredit-Geschäfte stehe ich gerade“, lautet Torres’ Botschaft an die Investoren in der Schweiz, „nicht aber für die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung“.
Genossenschaften im Fokus
2012 hat die UNO zum Jahr der Genossenschaften erklärt. Die neue Geschäftsführerin von Oikocredit, Rosalind Copisarow, wirbt im jüngsten Newsletter für das Modell: „Genossenschaften stellen sich auf die veränderten Bedürfnisse ihrer Mitglieder ein. Ihre Leitwerte sind Selbsthilfe, gegenseitige Hilfe und gemeinsames Eigentum. Sie schaffen Arbeitsplätze und schirmen sie gegen Marktrisiken ab.“
Oikocredit
Die in Holland domizilierte Genossenschaft Oikocredit ist eine Pionierin im Mikrofinanzgeschäft und ist auch in der Schweiz verwurzelt. Sie verleiht Kredite zu fairen Zinsen an Handelsgenossenschaften, KMU und NGO. Den weltweit rund 40'000 Anlegern und Anlegerinnen – viele aus kirchlichen Kreisen – zahlt sie eine moderate Dividende von rund zwei Prozent.
Oikocredit wurde 1975 durch den Weltkirchenrat gegründet und ist heute in 70 Ländern tätig und in 36 Ländern vor Ort präsent. Laut Jahresbericht erreichte die Kreditsumme im letzten Jahr die Rekordsumme von 481 Millionen Euro (592 Mio. Franken). 25 Millionen US-Dollar (23,6 Mio. Franken) gingen an Projekte in Ecuador.
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